Die erste von 7 (Getreidearten): Die Gerste

Die-sieben-GetreideIn seinem Buch „Die sieben Getreide“ schreibt Udo Renzenbrink ausführlich über Weizen, Reis, Gerste, Hirse, Roggen, Hafer und Mais. Dieses Buch habe ich erstmals 1997 während eines Praktikums an einer Forschungsstelle für Demeter-Getreide in der Nähe von Lüneburg gelesen und vor einiger Zeit wiederentdeckt. Renzenbrink ist nicht der einzige, der dem Getreide eine wichtige Rolle in der menschlichen Ernährung zuweist und dies in seinem Buch nach anthroposophischen Gesichtspunkten erläutert.
Und das ist mein Beitrag zu den aktuellen High-Low-Carb-Diskussionen: der Aspekt, dass jedes Lebensmittel eine eigene Wirkung auf den Menschen hat. Lässt man Getreide ganz oder großteils weg, dann verzichtet man nicht nur auf bestimmte Nährstoffe (Vitamine der B-Gruppe) und andere Wirkstoffe (wie die Kieselsäure), sondern auch auf die Wirkungen, die die unterschiedlichen Getreidesorten auf uns haben.
„Du bist, was du isst!“ hat mehr Bedeutung, als vielen bewusst ist. Wie das zu verstehen ist, möchte ich anhand der Gerste nun näher erklären:

Zu Beginn einiges über die Geschichte: barley-2465781_1920
Die Gerste zählt neben dem Weizen zu den ältesten Getreiden. Sie gedeiht zwar nicht auf allen Böden, doch findet man sie sowohl in tropischen Gebieten wie auch in Gebirgslagen auf über 4000 m. Schon Homer bezeichnet in seiner „Ilias“ die Gerste als das „Mark der Männer“ und spielt damit auf die kräftigende Wirkung an. Die römischen Gladiatoren wurden „hordearii“ – Gerstenmänner – genannt, weil sie ihren Kraft, Mut und Ausdauer durch die Gerste erhielten. Die Philosophenschulen wie die „Schule des Pythagoras“ legten auf Ernährungsvorschriften großen Wert. Zur Erlangung größter Konzentration und Wachheit wurden eiweißhaltige Nahrungsmittel wie Fleisch und Hülsenfrüchte sowie Alkohol verboten, die Gerste jedoch war das Grundnahrungsmittel.

Auch Renzenbrink schreibt, dass er herausgefunden hat, dass die Gerste zu besonderer Wachheit und Aktivität im Denken verhilft. Diese Wirkung wird durch die enthaltene Kieselsäure erzielt. Der Kiesel erfüllt in unserem Körper nicht nur eine Stützfunktion (Bindegewebe, Bandscheiben), er sorgt auch für Abgrenzung (Haut, Organe haben eine Kieselhülle) und schafft gleichzeitig eine Verbindung untereinander sowie nach außen. Damit kommt der Gerste eine wichtige Aufgabe für ein funktionierendes Nervensystem und somit auch für das Denken zu. Nicht nur Schüler und geistig Schaffende profitieren davon.
Die kräftigende Wirkung der Gerste wird durch die enthaltenen Kohlenhydrate erklärt. Diese werden zu Zucker abgebaut, der für den Stoffwechsel der Muskulatur benötigt wird. Wie bei allen Getreidesorten ist Vollkorngetreide hierfür notwendig, das das erforderliche Vitamin B1 enthält.
Auch die Schleimbildung der Gerste ist von Bedeutung. In der modernen Diätetik wird die beruhigende Wirkung des Gerstenschleims bei akuten Reizungen der Schleimhäute von Magen und Darm genutzt. Die Kieselsäure wirkt sich günstig auf die Schleimhautdefekte aus. Gerstenschleim regelt die Darmtätigkeit und bindet giftige Stoffwechselprodukte.

Von allen Getreidesorten zeichnet sich die Gerste durch die Fähigkeit der Malzbildung aus. Beim Keimen bildet sich aus der Stärke das süße Malz. Dazu werden die Gerstenkörner zuerst vorgeweicht, danach werden sie bei einer gleichbleibenden Temperatur von 23°C zum Keimen gebracht. Nach 7 – 8 Tagen wird der Keimprozess unterbrochen und das gewonnene Grünmalz wird gedarrt und weiterverarbeitet. Zu Malzkaffee, Bäckermalz und auch zu Bier.

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von links oben im Uhrzeigersinn: Rollgerste, Gerstenflocken, Gerstenmalz, Gerstenvollmehl

In der heutigen Ernährung spielt die Gerste eine Nebenrolle. Rollgerstlsuppe fällt mir ein und Brot und Gebäck, das mit Bäckermalz für eine besondere Farb- und Aromagebung angereichert wird.
Will man mehr Gerste einbauen gibt es folgende Möglichkeiten:

  • In Rezepten mit Weizenmehl kann man – je nach Teigart – teilweise auch Gerstenmehl  verwenden (am besten frisch gemahlen, da es nur relativ kurz lagerfähig ist),
  • in Rezepten mit Haferflocken diese durch Gerstenflocken (kaufen oder selbst quetschen) ersetzen,
  • beim Brot Backen dem Teig etwas Gerstenmalz hinzuzufügen.

In der Anthroposophie spielen Rhythmen eine besondere Rolle. Die 7 Getreidearten werden den 7 Wochentagen zugeordnet. Die Gerste hat den Bezug zum Dienstag und dem Planeten Mars (frz. mardi). Sie stärkt Willenskraft und Mut mit ihrer dynamischen Energie und gibt die Tatkraft, die Herausforderungen der neuen Woche anzugehen.

Einen Satz in Renzenbrinks Kapitel über die Gerste finde ich besonders wichtig. Er schreibt: „Auch in ihren Körperkräften fühlten sich die „Gerstenesser“ gestärkt; die gewohnte Müdigkeit nach dem Mittagsmahl entfiel.“ Genau diesen Effekt bemerke auch ich nach einem Mittagessen mit gekochter Rollgerste. Aber auch als Frühstück macht die Gerste nicht nur eine gute Figur, im Ayurveda wird sie sogar als Getreide empfohlen, das beim Abnehmen unterstützend wirkt.

Gersten-Birnen-„Müsli“IMG_5439

für 1 Portion:
1 TL grob gemörserte Gewürze (Anis, Fenchel, Zimt, Kardamom)
40 g Gerstenflocken
1 EL Leinsamen
1 mittelgroße Birne
1 EL getrocknete Kirschen
heißes Wasser zum Aufgießen
Birne in Würfel schneiden, die getrockneten Kirschen fein hacken.
Die Gewürze in einem kleinen Topf bei mittlerer Hitze trocken anrösten, bis sie leicht duften, dann die Gerstenflocken und Leinsamen mitrösten. Obst hinzugeben und mit heißem Wasser aufgießen. Aufkochen lassen und dann mit geschlossenem Deckel mit geringer Hitze ausquellen lassen.
Zeitbedarf: ca. 20 min.

Bild links: die Zutaten werden angeröstet
Bild Mitte: Wird nach dem Aufgießen mit Wasser während des Ausquellens nicht gerührt, bleibt die flockige Konsistenz erhalten
Bild rechts: Wird mit etwas mehr Wasser aufgegossen und dann fleißig gerührt, erhält man eine homogenere, breiige Konsistenz

Mahlzeit!

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